Ein Blick auf das Werk

Herbert Glossner

 

 

Ein Blick auf das Werk von Werner Friedrichs zeigt: Ihm sind alle Techniken, alle Materialien zur Hand. Von der flüchtigen Skizze, Beobachtungen des Alltags einfangend, der minuziös ausgeführten Bleistift- oder Federzeichnung, von Aquarell und Tempera über die Druckgrafik bis zu den farblich hintergründig abgestuften Ölstücken auf Leinwand breitet er seine Weltsicht aus. Eine Welt-Sicht, die Weit-Sicht und Tiefen-Sicht offenbart. Surreal, so könnte oberflächlich betrachtet sich eine Schublade für seine Arbeit anbieten. Wenn schon, dann sei er eher als Realist zu betrachten, sagt Friedrichs. Dem Realen verpflichtet ist seine Technik.

Es gibt Tierzeichnungen in bester Tradition der Naturerfassung, bevor die Fotografie erfunden war. Aber die großen Bilder dominieren Gestalten, Szenen, Landschaften, die "real" eine Ebene des Meta-Realen erreichen. Durchaus im Sinne einer Meta-Physik, abgeleitet von der Grundbedeutung der physis als Natur. Aus der aufmerksamen Beobachtung wächst das exakte Zeichnen und daraus die Freiheit, Phantasie und Intuition ihren Lauf zu lassen. Versteckter Humor blitzt in seinen Porträts auf. Wer alte Bekannte entdeckt - Kafka, Ludwig II. und Wagner, Luther oder Goethe, Dante, Bach, Freud -, wird bei schärferem

Hinsehen rasch inne, wie viel mehr da "porträtiert" ist als eine wieder erkennbare Physiognomie. Die Titel, die Werner Friedrichs seinen Bildern gibt, setzen Assoziationen frei - so wie seine Arbeiten oft aus Assoziiertem heraus entstehen. Eindrücke, innere Bilder, lange gespeichert, brechen sich Bahn. Nicht selten sucht dann Archetypisches aus dem Langzeitgedächtnis der Menschheit seinen Ausdruck. Heimliche Anspielungen, Zwischentöne, Anklänge, wie sie zuhauf auftauchen, werden da unheimlich. Unheimlich wie das wiederkehrende Motiv der augenlosen, nicht sehenden Brille, der blanken Kugelköpfe,


Der Tod des Mythos

der zeichenhaft ins Menschliche einmontierten Elemente aus Fauna und Flora."Der Tod des Mythos" (2008) lässt eine Erschießungsszene sehen, ein seltsam Uniformierter legt an auf ein Mischwesen aus Mensch und Tier, ein Vogel ist der Nächste, rötlich-kahle Bäumchen stehen auf eisigem Grund. Wird ein Schuss fallen? Eine gespannte Bedrohung geht davon aus, ist sichtbar, spürbar, jedoch nicht zu "erklären".

Oder "Die Nachricht" aus dem Jahr 2010: Ein dunkel gekleideter Mann mit Hut sitzt auf einer schwebenden, beinlosen Bank, die Schwalbenschwänze der Jacke hinten übergeschlagen, Zeitung lesend. Einen auffälligen Schatten wirft er. Welche Nachricht erreicht ihn auf dem gekrümmten Segment des Erdballs, aus der Ferne beobachtet von einer winzigen bleichen Gestalt neben Buschwerk, der Himmel voll zuckender Lichter? Der Weg des Kommunizierens mit diesen befremdlichen Welten führt mitten hinein in die Realität, die um uns ist. Das gibt Rätsel auf, in der Tat, und ihnen nachzusinnen, könnte ein Stück Erkennen unserer Wirklichkeit sein, kritisches Erkennen, auf Bewusstsein zielend. Denn die Präzision, die Pointierung solcher Szenen enthält gesellschaftlich-politische Analyse ebenso wie deren ästhetisch-vollkommene Umsetzung ins gewählte Medium.

Herbert Glossner | Arnim Juhre | Susanne Geese | Peter Dering
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Werner Friedrichs

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Die Nachricht



 

 

Herbert Glossner

geb. 1932 in Nürnberg.
Studium der ev. Theologie, Musikwissenschaft, Kirchenmusik, Kunstgeschichte und Philosophie in Tübingen, Heidelberg (B-Prüfung), Basel und Princeton/,USA (TH.M.).
Vikar in Nürnberg,
kirchliche Pressearbeit in München, Stuttgart, Hamburg (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Ressortleiter Kultur).